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 [Story]Der Würgeparagraph

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Der Henne



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BeitragThema: [Story]Der Würgeparagraph   Mi Nov 10, 2010 12:05 am

„Kennst du das Gefühl, wenn du am Morgen erwachst und glaubst, du habest dich gerade erst schlafen gelegt? Wenn du hinausgehst und dir eine Fliege in die Nase geflogen ist, wenn du sie in deinem Innersten herumkrabbeln spürst und keiner deiner Finger lang genug scheint, um dir das Insekt wieder aus dem Schädel zu schaben? Kennst du das Gefühl, bei einer Wanderung durch die Stadt nur noch auf die Eisennägel in den schwitzigen Fingern der Handwerker zu achten, weil du dich der Vorstellung, dir einen oder zwei von ihnen durch die Rippen zu schlagen, nicht mehr entledigen kannst? Kennst du das Gefühl, wenn du an einem regnerischen Tag sehnsüchtig und hoffnungsvoll in den Himmel blickst und auf den Blitz wartest, der dich treffen möge? Wenn du die Blicke deiner Nachbarn auf dir ruhen fühlst und du sie lesen kannst – wenn du nicht nur glaubst, sondern weißt was sie denken – wenn du dir sicher bist, dass sie dich bei der erstbesten Gelegenheit häuten würden, kämst du ihnen nur zu nahe, und wenn du dabei weißt, dass sie dies nur täten, weil du selbst diese Art von Reaktionen förderst, nein – forderst, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, weil du es mit Tieren, deren Fell du gerben möchtest, ja ganz genauso machst, ohne diese zu verabscheuen, kennst du es? Und weißt du, wie es sich anfühlt, wenn du bei alldem nicht einmal unglücklich bist?“
Unglücklich sah sie allerdings aus, fand er. So wie sie hier vor ihm saß, zittrig und mit großen schwarzen Rändern unter den Augen. Ausmergelt war sie, und ihre spröden, langen Finger umfassten zaghaft Halt suchend den Rand der Tischplatte. Nein, wie eine glückliche Person wirkte sie nicht.
Er wusste eine Zeit lang nicht, was er erwidern sollte. Sie schien das zu verstehen, starrte ihn mit ihren großen Augen an, die viel zu selten blinzelten. Geduldig wartete sie auf seine Antwort.
„Flora“, sagte er und machte wieder eine kleine Pause, denn er hatte den Namen ausgesprochen, ohne sich bereits im Klaren darüber gewesen zu sein, was er ihr antworten wollte. „Ich weiß nicht wie sich das anfühlt, nein. Bin ich der einzige, mit dem du darüber sprechen kannst?“
Sie nickte. „Ich habe versucht, es meiner Mutter zu erklären. Sie sagt mir nur, ich schlafe zu wenig. Das stimmt nicht. Ich schlafe viel, nur scheint der Schlaf meinen Körper nicht länger zu nähren.“
Er rieb sich die Stirn, und als ihm dann immer noch keine Worte eingefallen waren, die Flora beruhigen konnten, ohne die Ernsthaftigkeit ihrer Lage infrage zu stellen, rieb er sich auch noch die Augen. Es war spät, sehr spät, aber er hatte versprochen, immer für sie da zu sein.
„Hör zu. Du weißt, dass ich dir bei allem zuhöre und dich unterstütze, wie ich es nur kann. Doch deine Beschwerden scheinen sich nicht durch bloße Gespräche lösen zu lassen. Ich weiß, dass du das nicht hören willst, aber du solltest mit Meister Noden sprechen, sobald er wieder in der Stadt ist. Er ist der einzige, der in der Lage ist, dir wirklich zu helfen.“
Floras Hand zuckte von der Tischplatte zurück. „Noden ist der letzte, der mir helfen wird. Ich möchte nicht bezweifeln, dass er es kann. Er wird es nur nicht tun.“
Nun scheute sie seinen Blick, und das gab ihm das schreckliche Gefühl, sie enttäuscht zu haben. Er wollte immer für sie da sein, doch etwas Hilfreiches sagen konnte er ihr nicht.
„Es macht nichts“, sagte sie, als habe sie seine Gedanken erkannt. „Ich mache meinen Gang am Wasser entlang, und sehe dann, ob ich etwas Schlaf finden kann. Es mag nur eine Phase sein, die bald wieder vorüber ist.“
Er nickte, gleichermaßen erleichtert und unzufrieden mit sich selbst.
„Ich bin mir sicher, es wird bald vorüber sein“, versuchte er ihr Mut zu machen. „Vielleicht sind bereits morgen früh all deine Sorgen von dir abgefallen.“
Flora hatte den Türknauf bereits in der Hand und drehte sich noch einmal zu ihm um.
„Vielleicht wird es so sein, doch ich glaube es nicht. Bislang ist es immer nur schlimmer geworden, von Tag zu Tag.“ Als sie ihn nun anblickte, versetzte es ihm einen Stich. „Manchmal kommt es mir vor, als säße eine gefräßige Fleischwanze in meinem Gedärm, die mich von innen heraus verspeise. Mit jedem Bissen wird sie ein wenig größer, nimmt ein wenig mehr Platz in mir ein, braucht ein wenig mehr tägliche Nahrung zum Überleben. Aber vielleicht… vielleicht ist auch die hungrigste Fleischwanze eines Tages satt und ausgewachsen.“ Ein wehmütiges Lächeln umspielte ihre bleichen Lippen.
Dann wandte sie sich ab und war fort.
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Der Henne



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BeitragThema: Re: [Story]Der Würgeparagraph   Fr Nov 12, 2010 1:49 am

…doch jeder von ihnen wollte seinen eigenen Willen durchsetzen. Es gab Gesetze, aber selten wurden sie so eingehalten, wie es von ihrem Volke erwartet wurde. Es gab Richtlinien, lose Wertvorstellungen einer verkommenen Sippe von Dieben und Mördern – und nicht einmal diesen wollte man folgen. Jeder folgte nur sich selbst. Und doch liefen sie alle im Gleichschritt auf den Abgrund zu.
Er blickte auf. Sterbend wand sich die Flamme seiner verschrumpelten Kerze in ihren letzten Zügen. Halvors einzige Lichtquelle war kurz davor, den Geist aufzugeben.
Verärgert klappte er das Buch zu. Wahrnehmungsschwächen von einem gewissen Okuntur. Man hatte ihm gesagt, es sei hochwertige Literatur, und man hatte ihm auch gesagt, dass es selbst einfache Fischer verstehen konnten. Halvor hatte sich noch nicht entschieden, welche der beiden Aussagen falsch war, dennoch dachte er gar nicht daran, vorzeitig aufzugeben. Bis die Leute aus der Werft sein Fischerboot fertig gestellt hatten, ließ ihm seine Arbeit mehr als genug Zeit zum Lesen. Ob er beim Angeln nun einfach nur dasaß und gelangweilt auf den Ozean hinausstarrte oder die Wartezeit auf den nächsten Fisch mit einer ähnlich unterhaltungsarmen Lektüre füllte, machte kaum einen Unterschied. In letzterem Fall konnte er sich aber zumindest ein wenig gebildeter fühlen.
Während die Flamme zur Glut wurde, zog Halvor die Angelschnur ein und entfernte den Köder vom Haken. Zu seinem Erstaunen zuckte der kleine Wurm noch ein wenig vor sich hin, bevor er reglos in seiner Hand verharrte. Hatte er eine halbe Stunde lang im eisigen Wasser des nächtlichen Hafenbeckens durchgehalten, nur um noch ein letztes Mal den Wind auf seiner glitschigen Haut zu spüren?
Halvor musste grinsen. Also hatte Carl doch recht gehabt, als er behauptet hatte, Literatur mache bloß sentimental. Wenn er sich schon Sorgen um die Verfassung seines Köders machte, war es wirklich höchste Zeit, nach Hause zurückzukehren und sich von Fenia auf andere Gedanken bringen zu lassen. Angesichts der mickrigen Ausbeute dieses Tages hatte er ein wenig Aufmunterung dringend nötig.
In Gedanken schon ganz bei seiner Ehefrau, nahm Halvor das kühle Gefühl am linken Unterschenkel zunächst kaum wahr – bis er mit dem Fischeimer in der Hand einen Schritt zurück machen wollte und einen überraschenden Widerstand spürte.
Mit zunehmender Verwirrung erkannte er, dass sich etwas Dünnes oberhalb der Ferse um sein Bein gewickelt hatte. Ein dicker, schleimiger Faden war es, der im schummrigen Licht des späten Abends wie das grotesk in die Länge gezogene Herz eines Schafes zu pulsieren schien. Das obere Ende wackelte ziellos herum wie der sterbende Köderwurm, der noch vor wenigen Sekunden in der Hand des Fischers sein Leben ausgehaucht hatte. Das andere Ende verschwand im Wasser des Hafenbeckens.
Halvor spürte, wie sein Atem schneller ging.
„Nur die Ruhe.“ Sein Versuch, die Panik zu bekämpfen, schlug fehl. Das letzte Mal, an dem er Selbstgespräche geführt hatte, war der Tag gewesen, an dem ihn die Wache wegen Hehlerei in den Kerker geworfen hatte. Halvor wusste: wenn er Monologe führte, war dies ein sicheres Zeichen dafür, dass er in ernsten Schwierigkeiten steckte. Er hatte starke Zweifel, dass Cassia diesmal zur Stelle sein würde, um ihn zu retten. „Retten! Wovor denn retten, verdammt? Es ist nur ein Seewurm. Ich schabe ihn einfach mit dem Angelhaken ab und die Sache ist erledigt. Kein Grund zur Sorge.“
Ein Seewurm. Gab es das, Seewürmer?
Einen kurzen Moment lang war er sich sicher, in der nächsten Sekunde von der Hafenkante ins Meer gerissen zu werden, direkt in den reißzahnbesetzten Schlund eines Riesenkraken hinein.
„Riesenkraken haben Tentakel, keine…glitschigen Fäden“, murmelte er mit zittriger Stimme, während er den Haken langsam an sein linkes Bein heranführte. „Sei kein Vollidiot, Halvor. Weg mit dem Ding, einfach weg damit!“
In einem plötzlichen Ausbruch von Entschlossenheit ließ er den Haken auf den lebenden Strang hinabfahren. Ein hässlich reißendes Geräusch durchzuckte die Nacht, dann fiel die Ranke in mehreren Stücken von ihm ab und krümmte sich auf dem Boden zu kleinen, schneckenhausförmigen Kringeln zusammen.
Halvor konnte seinen Blick nicht abwenden, er wollte kein Gefühl der Erleichterung zulassen. Es war nicht überstanden.
Das Wasser vor seinen Füßen kochte, und etwas Schwarzes stieg daraus empor.
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